Kurzpredigt im Vorübergehen
Unser Auge ist ein Wunder-volles Organ,
ein Meisterwerk des Schöpfers.
Die Augen bringen die ganze Außenwelt zu uns,
durch sie finden wir uns in der Welt zurecht,
können wir erkennen, denken und handeln.
Aber sie öffnen uns auch die Türen zur Innenwelt,
die wir „Herz“ nennen wollen.
Die Augen wecken unsere Gefühle,
lassen Schönheit und Sinn empfinden,
wecken die Sehnsucht nach dem Wesentlichen,
verbinden uns mit dem Göttlichen.
Diese Fähigkeit wird „drittes Auge“ genannt.
Ich gehe zur Mitte
MIT NEUEN HERZENS-AUGEN SEHEN
Vor wenigen Wochen hatte ich eine Operation beider
Augen, um dem Grauen Star zu entgehen. Das brachte
mich schon im Vorfeld zum intensiven Nachdenken
über den unermesslichen Schatz des Augenlichtes. -
Und viele sind in diesen Sommerwochen unterwegs,
um sich an fernen Orten zu erholen und Schönes zu
erleben. Sie begegnen der Natur, anderen Menschen
und Kulturen, und je offener ihre Augen und Herzen
waren, umso beschenkter kehren sie zurück.
Ja, die Augen – welch ein Wunderwerk!
Schon physiologisch eine geniale, hochkomplizierte
Konstruktion: Hornhaut. Linse, Netzhaut, der Aug-
apfel mit Pupille und Regenbogenhaut, der Sehnerv -
jedes Element erfüllt präzise seine Aufgaben.
Das Auge ist das bewegteste Körperorgan.
Mit ihm holen wir die Außenwelt nach innen,
die vielgestaltige Welt wird uns vertraut.
Umgekehrt verrät das Auge nach außen hin
etwas von der Seelenstimmung des Menschen.
Es ist vor allem das Schöne, was die Aufmerksamkeit
des Auges findet und es festhält. Vom Grausamen
und Hässlichen wendet es sich eher ab.
Es sind besonders die Gemüts- und Gefühlskräfte,
die durch das Schauen angesprochen und verleben-
digt werden. Eine Landschaft weckt das Gefühl der
Beheimatung, ein Kunstwerk kann uns neue
Dimensionen der Wirklichkeit erschließen, das Gesicht
eines Menschen macht ihn mir vertraut. Das Auge
weckt Freundschaft und Liebe.
So ist das Auge das wesentliche Organ für die
zwischenmenschliche Kommunikation.
Gehen Menschen aufeinander zu, um sich zu
begegnen, schauen sie sich in die Augen, wollen sie
sich meiden, schauen sie aneinander vorbei.
Keines Blickes gewürdigt zu werden, ist verletzend.
Da gibt es die unendliche Geschichte des
begehrenden Blicks mit den dunklen Schatten wie
Gewalt und Besitzergreifung! Dass Blicke vernichten
und töten können – wer wüsste das nicht!
Aber es gibt auch den wohlwollenden Blick der
Ermutigung, das aufmunternde Augenzwinkern,
das zärtliche Anschauen, das verlässliche
Einander-im-Auge haben.
Und gläubige Menschen leben im Vertrauen, dass
nicht ein blindes Schicksal, sondern ein personales
Gegen-Über uns in seinem liebenden Blick hat.
Welchen Blick hatte doch Jesus bei der Begegnung
mit der Frau am Jakobsbrunnen, mit dem blinden
Bartimäus, eigentlich mit jedem Menschen!
Er blickte tiefer, sah das Wesen des Anderen
seinen Herzenszustand, seine Nöte. Dieser Blick
machte sie glücklich und heil.
Das öffnet uns die Augen dafür, dass auch unser Blick
nicht an der Oberfläche des Gesehenen bleiben sollte.
Denn alle Wirklichkeit hat einen inneren Hintergrund
und jeder Mensch hat ein einmaliges Wesen, das
erkannt, geachtet, ja geliebt werden möchte.
Die Fähigkeit, dies wahrzunehmen, wird auch als das
„dritte Auge“ bezeichnet. Damit ist der achtsame
Mensch befähigt, mit den Sinnen des Herzens zu
sehen und zu leben und so im Verborgenen den
tieferen Sinn einer Situation, die Würde des Nächsten
und letztlich die Wirklichkeit Gottes wahrzunehmen.
Das sei das eigentliche Sehen, sagen die Weisen.
So der arabische Mystiker Hussain al Halladsch:
„Wer da ein Herz hat, der werfe das Auge weg,
dann wird er schauen.“
Und ähnlich sagt es de Exupery im „Kleinen Prinzen“:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Eigentliche
ist für die Augen unsichtbar.“
Und da wir uns bemühen, mit solchen Herzens-Augen
in die Welt zu schauen, können wir die letzten Zeilen
des Türmerliedes in Goethes Faust zum Dankgebet
machen: So seh´ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mirs´gefallen,
Gefall ich auch mir,
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!
Ulrich Schäfer
Mein Herz sucht Gottes Nähe
AUFATMEN UNTER DEINEM BLICK
In rasender Geschwindigkeit
prasselt eine Vielzahl von Eindrücken auf mich ein,
die ich kaum mehr sortieren kann.
Ich fühle mich überfordert.
Wenn ich im Moment Nachrichten sehe,
möchte im am liebsten die Augen verschließen:
So viel Leid und Ungerechtigkeit,
die zu lindern oder zu bekämpfen
ich mich nicht imstande fühle.
Im beruflichen Alltag habe ich die Aufgabe,
mein Umfeld aufmerksam wahrzunehmen
und schnell und angemessen zu reagieren.
Das empfinde ich oft als sehr herausfordernd.
Ich sehne mich danach, Zeit und Muße zu haben,
meinen Blick in die Weite schweifen zu lassen.
Ich möchte eine Biene beobachten,
wie sie in einer Blüte Nektar trinkt.
Ich möchte eine Federwolke mit den Augen verfolgen,
die vom Wind weitergetragen wird.
Ich möchte einem Künstler über die Schulter schauen,
der in sich versunken eine Hauswand
mit Farbe verzaubert.
Jesus, Du hast es Dir zur Aufgabe gemacht,
die Menschen um Dich nicht nur mit den Augen,
sondern mit Deinem Herzen bewusst anzusehen.
Du hast sie liebevoll angeschaut
und ihnen dadurch „An-Sehen“ gegeben.
Du hast wahrgenommen, dass sie auf der Suche sind,
dass sie mit Fragen und Problemen
zu kämpfen haben und Orientierung brauchen.
Jesus, mach mir immer wieder bewusst,
dass Du mich und mein Sein
mit Deinem liebevollen Blick begleitest.
Bitte gib mir die Kraft,
meinen Blick von dem zu lösen,
was mich hemmt und ängstigt
und stattdessen auf Dich zu richten.
Bitte lass in mir die Fähigkeit wachsen,
mehr und mehr mit meinem Herzen zu sehen.
Regina Gaa
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