Ich gehe zur Mitte

END-LICH

… Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Diese berührenden Worte Eichendorffs
entsprangen nicht einer Todessehnsucht,
sondern dem Lebensglück einer herrlichen 
Mondnacht bei Sternenglanz, wogenden Ähren, 
Waldesrauschen - dem Leben in vollen Zügen 
mit Liebe zur Erde, zum Dasein, zu seinem 
persönlichen Leben mit all seinen Höhen und 
Tiefen.
Aber gerade in diesem erfüllenden Jetzt und 
Hier das erwachende Ahnen,
dennoch nicht ganz zu Hause zu sein.
Wer wie der Dichter die Wirklichkeit klar sieht 
und nicht verdrängt, 
(wie etwa jene, die ob ihres nicht gelebten, 
leeren Lebens Ängste beschleichen mögen)
wird nicht aus dem Blick verlieren,
dass er dem sicheren irdischen Ende entgegen 
geht, dass sein Leben also end-lich ist.

In diesem Bewusstsein zu leben
nährt nicht deprimierende Todesfurcht,
sondern schenkt Gelassenheit und Frieden.
Freilich bedarf es dazu des Vertrauens,
dass unser Dasein von einem übergreifenden 
Sein umspannt ist, von einer tragenden, 
sinngebenden, ja liebenden Macht,
in der unser Leben wie Sterben geborgen ist.
Darauf beruht gläubige Lebenskunst.

Und dann,
wenn die große letzte Stunde gekommen ist,
wird End-gültigkeit zur Voll-endung.
Endgültig ans Ziel gekommen,
endlich Erfüllung aller Sehnsucht.
Dort, „wo alles überwunden ist, alles Böse, 
Kalte, Hochmütige... wenn alles Erdenwerk 
vollbracht ist und alle Schuld gesühnt... wenn 
die Zeit vorbei ist im ewigen Jetzt  und das 
Geschöpf ganz klar und mit seinem Wesen zu 
Gott steht.“ (Romano Guardini)
Eichendorff würde wohl sagen:
„Jetzt, endlich, ist meine Seele ganz zu Haus.
Auf immer.“

Ulrich Schäfer